Die elterliche Führungsrolle übernehmen

Eins der häufigsten Missverständnisse bei der bedürfnisorientierten Begleitung von Kindern ist, dass Eltern ihre eigenen Bedürfnisse völlig aufgeben und nur noch am Kind orientieren müssen.

Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass Kinder ein großes Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit haben - und das erfüllen wir ihnen, indem wir eine starke elterliche Führungsrolle entwickeln.

Was bedeutet "elterliche Führungsrolle"?
Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Verantwortung. Du als erwachsene Bezugsperson bist dafür verantwortlich, dass dein Kind sicher und gesund aufwachsen kann. Hierfür musst du oftmals auch Entscheidungen treffen, die deinem Kind im ersten Moment nicht so gut gefallen, z.B. wenn es darum geht, Zähne zu putzen, sich achtsam im Straßenverkehr zu verhalten oder sich nicht ausschließlich von Süßigkeiten zu ernähren.
Auch für eher "unsichtbare" Prozesse wie einen gut aufgeladenen Bindungstank, das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden und mit jedem Gefühl akzeptiert zu werden, bist du verantwortlich.

Stell dir diese Frage: Wobei macht es Sinn, mein Kind mitbestimmen zu lassen und wobei nicht?

Wenn du einmal anfängst, diese Frage zu reflektieren, wirst du immer mehr verstehen und erkennen. Das Verhalten deines Kindes wird dir dabei helfen, zu unterscheiden, wann die Führungsrolle angebracht ist und wann du "es laufen lassen kannst". 

Ein Kind, dessen Erwachsene eine starke elterliche Führungsrolle einnehmen, wird sich fallen lassen können und dir vertrauensvoll folgen. Es wird viel eher auf dich hören, weil es sich darauf verlassen kann, dass du gute Entscheidungen in seinem Sinne triffst.

Wie schaffe ich es, eine starke elterliche Führungsrolle einzunehmen?
Wie immer braucht es dafür zwei wichtige Dinge: Zeit und Übung. Hinter der Fähigkeit, die Führungsrolle gut zu leben, stecken zahlreiche wichtige Kompetenzen wie z.B. ein solides eigenes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Grundwissen zur kindlichen Entwicklung, Empathie und die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen.

All das lernst du am besten "on the job", also während du dein Kind ohnehin begleitest. 

Dabei ist eins total wichtig: Klar zu sein, bedeutet nicht hart sein zu müssen!

Es geht hier gar nicht darum, total streng zum Kind zu sein oder nur noch hart durchzugreifen - im Gegenteil. Milde und ein weiches Herz sind ebenso elementare Bestandteile der elterlichen Führungsrolle.

Kannst du mal ein Beispiel bringen, wie es aussehen kann, die elterliche Führungsrolle zu übernehmen?
Sehr gerne!
Stell dir vor, du stehst mit deinem Kind in der Supermarktschlange und es möchte un-be-dingt einen Schokoriegel.
Ungünstiges Verhalten wäre:
Du sagst von oben herab: "Auf gar keinen Fall! Du isst ohnehin schon viel zu viele Süßigkeiten, Heute gibt es nichts!" Dein Kind fängt an zu weinen, du nimmst es hoch, schaukelst es zwar, bist aber eigentlich genervt. Vielleicht sagst du auch sowas wie "Jetzt ist aber wieder gut!"

Günstiges Verhalten in einer starken elterlichen Führungsrolle könnte so aussehen:
Du gehst zu deinem Kind auf Augenhöhe und hörst erst einmal genau zu, was es zu sagen hat. Manchmal wollen Kinder nämlich auf etwas ganz anderes hinaus als wir denken - bleib also offen für dein Kind! Vielleicht möchte es dir nur das lustige Nilpferd auf der Schokolade zeigen. Vielleicht möchte es aber auch tatsächlich gern einen Riegel haben. 
Jetzt mache dir zunächst selbst innerlich bewusst, ob du wirklich "Nein" sagen möchtest und warum. Es ist oft so, dass wir unbewusst ganz automatisch Regeln und Grenzen übernehmen, die wir selbst kennen gelernt haben, die aber bei näherem Hinsehen nur wenig Sinn machen. Wenn du dir selbst sicher und klar über deine eigene Haltung bist, nimm über Blickkontakt oder eine Berührung Kontakt zu deinem Kind auf. Dann könntest du es zunächst einmal spiegeln und sagen: "Oh, diesen Schokoriegel hättest du gerne? Leider kaufe ich heute keine Süßigkeiten, denn wir haben noch genug zu Hause und ich möchte es nicht."
Achte darauf, dich nicht in ausschweifenden Erklärungen zu verlieren, dein Kind ist in so einer Situation vermutlich ohnehin schon emotional und wird dir kaum folgen können. Wenn es dann beginnt zu weinen oder zu wüten, bleib auf jeden Fall in Verbindung "Ja, jetzt ärgerst du dich. Du hättest so gern die Schokolade und ich kaufe sie dir nicht. Das ist auch ärgerlich!"
Gefühle kommen immer, um eine Botschaft dazulassen und wenn wir diese entschlüsselt haben und das Gefühl zu Ende gefühlt haben, geht es auch wieder. Kinder brauchen dabei noch unsere Begleitung und Unterstützung.

Wenn es an der Kasse sehr stressig werden sollte, fühl dich frei, die Situation zu verlassen. Zuhause kann man auch so etwas sagen wie "Ich sehe, dass du wütend bist und das kannst du auch weiter sein! Dennoch ziehst du jetzt bitte deine Schuhe an, das kann man auch wütend machen."

Bei mir und meinem Kind funktioniert das bestimmt nicht so. 

Wenn das Thema der elterlichen Führungsrolle (wieder) neu für dich ist, lass dir Zeit. Das Kassen-Beispiel kannst du versuchen, auf deine individuelle Situation zu übertragen. Sei klar, ohne hart zu sein. Hinterfrage die Gründe für deine Entscheidungen und spare dir ein "Nein" für wirklich wichtige Situationen auf, denn jedes "Nein" "kostet" Kooperationsbereitschaft des Kindes. Verschwende diese also nicht für unnötige Regeln oder sinnlose Einschränkungen.

Woran merke ich, ob mir die elterliche Führungsrolle gut gelingt?
Wenn dein Kind dir in den meisten Fällen vertrauensvoll folgt und du merkst, dass zwischen euch keine verhärteten Fronten herrschen, dann bist du schon sehr gut dabei. Natürlich gibt es weiterhin Konflikte und Gegenwillen deines Kindes. Aber du hast keine Angst mehr vor Gefühlsausbrüchen oder dem Widerstand des Kindes, sondern fühlst dich souverän und gut gewappnet. Du genießt es, Zeit mit deinem Kind zu verbringen und du stellst fest, dass du sogar immer wieder Auszeiten hat, in denen dein Kind zufrieden mit sich selbst ist und dich gar nicht großartig einnimmt. Du hast einen klaren Fahrplan und wenn du mal nicht weiter weißt, entwickelst du Ideen, bist mutig, etwas Neues auszuprobieren oder weißt, wo du dir Unterstützung holen kannst.

Du hast auch nach dieser Quick Help noch gar keinen Plan, wie du das Thema für dich umsetzen kannst? Oder du bist schon auf einem guten Weg, steckst jetzt aber an einer Stelle fest oder möchtest feinjustieren? Komm gerne zu mir in die 1:1 Beratung (online möglich) und wir gehen gemeinsam die nächsten Schritte in Richtung eines entspannten Familienalltags. Ich freu mich auf dich!