Hauen, Beißen, Kratzen - was tun?

Dein Kind haut, beißt, kratzt und verletzt dich, deine:n Partner:in, die Geschwister oder andere Kinder - und du willst einfach nur, dass das aufhört? Oder vielleicht wurdest du auch von den Pädagog:innen in Krippe oder Kindergarten darauf angesprochen, dass du dringend etwas dagegen unternehmen musst und fragst dich nun, was du tun kannst?

Ein Glück, dass du hier gelandet bist. Schauen wir uns das gemeinsam an. Am Ende dieser Quick Help wirst du eine Idee davon haben, warum dein Kind sich so verhält und welches Verhalten von dir in dieser Situation sinnvoll ist.

Die kindliche Unreife
Bis zum Alter von 5-7 Jahren fehlt Kindern gänzlich die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln. Ihr Gehirn ist einfach noch nicht darauf ausgelegt, einen anderen als den eigenen Standpunkt zu berücksichtigen. Das Kind muss erst noch lernen, seine Impulse zu kontrollieren und Strategien im Umgang mit Gefühlen einüben. Hierfür braucht es Raum, Zeit und feinfühlige Begleitung und auf keinen Fall Strafen, trennungsbasierte Methoden oder Zurechtweisungen.

Gute Gründe
Das Kind, das sein Geschwisterchen kratzt, andere Kinder haut oder einen Elternteil beißt, hat immer einen guten Grund. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, diesen guten Grund zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.
Beim Geschwisterchen könnte es bspw. daran liegen, dass das Kind Angst hat, für die Eltern nicht mehr wichtig zu sein und die daraus folgende Wut gegen seine Schwester oder seinen Bruder richtet. In der Gruppe könnte es sein, dass es dem Kind schwer fällt, zu teilen, weil es sich ja gerade zu Hause schon die Aufmerksamkeit der Eltern teilen muss. Und wenn sich MaPa abends Zeit nur für dieses Kind nimmt, kann es sein, dass die ganze angestaute Frustration sich über das Beißen entlädt, weil das Kind schlichtweg überfordert ist und noch keine andere Strategie kennt.
Je nach Grund, der dem Verhalten zugrunde liegt, können dann weitere Schritte geplant werden, damit das Bedürfnis des Kindes erfüllt wird und es die Gelegenheit hat, alternative Strategien zu lernen.

Realistische Erwartungen
Wichtig ist, die Erwartungen realistisch zu halten. Selbst wenn erkannt wurde, welche Situation für das Kind gerade möglicherweise belastend ist, so wird das Hauen/Beißen/Kratzen nicht aufhören, nur weil das Kind einmal Zuwendung bekommen hat. Es gilt, sich auf einen Prozess einzustellen und diesen verständnisvoll, aber klar zu begleiten.

Soll ich dem Kind also alles durchgehen lassen und gar keine Grenzen mehr setzen?
Auf gar keinen Fall! Es ist natürlich sehr wichtig, Kindern Grenzen aufzuzeigen und die körperliche Unversehrtheit anderer ist auf jeden Fall eine Grenze, die eingehalten werden soll. Jedoch dürfen wir dabei eben nicht vergessen, dass Kinder Zeit brauchen um Wege, mit Gefühlen und Problemen umzugehen, kennenzulernen und zu nutzen. 
Das hat Folgen auf die Art und Weise, wie wir Grenzen setzen. Oft meinen wir, dass wir möglichst streng sein müssen, damit das Kind ja versteht, dass wir es ernst meinen und sind dabei selbst auch ganz aufgebracht, gerade wenn das Kind zum ersten Mal eine solche Grenze überschreitet. Aber mit dem Wissen zur Unreife, dem guten Grund und den Erwartungen im Hinterkopf kann der Umgang mit einer solchen Situation immer souveräner laufen. Dann reicht es, klar und deutlich zu sagen, dass Hauen/Beißen/Kratzen nicht okay ist und, da das kindliche Gehirn das Wort "nicht" oft überhört, Alternativen anzubieten.

Aber das Kind muss sich wenigstens entschuldigen, oder?
Erzwungene Entschuldigungen sind sinnlose Entschuldigungen. Oder wie viel würde dir ein Kompliment bedeuten, zu dem du dein Gegenüber aufgefordert hast? Da die Entschuldigung in unserer Kultur aber sehr etabliert ist, kann man es dem Kind vorschlagen: "Vielleicht möchtest du dich entschuldigen, weil du dem anderen Kind weh getan hast?" Da die Situation im Nachgang für das Kind aber auch oft von Scham und Überforderung geprägt ist, kann man ruhigen Gewissens auch ein Schweigen oder ein Nein akzeptieren. Sobald Kinder im Alter von 5-7 Jahren echtes Einfühlungsvermögen entwickeln und kognitiv und emotional begreifen können, dass die andere Person traurig oder verletzt ist, kommt der Wunsch sich zu entschuldigen von ganz alleine.

Was für Alternativen kann ich meinem Kind anbieten?
Dir muss bewusst sein, dass es Zeit und Geduld braucht, um eine gesunde Bewältigungsstrategie nachhaltig zu etablieren. Das ist oft noch schwerer, weil wir selbst meist keine oder nur wenige gesunde Strategien mitbekommen haben. Bleib dennoch dran und reagiere z.B. so: "Ich sehe, dass du gerade wütend bist. Lass doch mal die ganze Wut am Sofakissen raus!" Manchmal macht es auch mehr Sinn, in einem ruhigen Moment über Alternativen zu sprechen als in der eskalierten Situation selbst. Auch mit jungen Kindern kann man da oft überraschende Vereinbarungen treffen, wenn man mit ihnen über ihre Gefühle ins Gespräch geht. Auf die Frage, was das Kind sich eigentlich gewünscht hätte, als es das Baby gekratzt hat, hat ein Kind z.B. einmal geantwortet, dass es einfach auch gern das Baby auf dem Schoß haben möchte. Das Kratzen war also der unreife und unbeholfene Versuch, in Kontakt zu treten.
Weitere Alternativen können sein: gemeinsam (!) den Ort wechseln, hüpfen, boxen, ins Kissen schreien oder Bewegung an der frischen Luft.

Stichwort Eskalation: Lies hier weiter für Input zu Wutanfällen von Kindern  

 

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